Wirklich _so_ viele offene Stellen in der IT?

Alle paar Wochen gehen Meldungen durch die Fachpresse das in Deutschland unglaublich viele Stellen in der IT unbesetzt sind, es an Nachwuchs und an qualifizierten Fachkräften mangelt.

Viele Artikel der IT-Fachpresse sind eher zurückhaltend und sachlich aber wer sich ansonsten weiter durch die Artikelwelt gräbt und vor allen Dingen die Aussagen der Wirtschaftsvertreter liest dem drängt sich ein Bild auf:
Der Bedarf an IT-Fachkräften steigt und steigt, Firmen suchen hän-de-ring-end, es gibt viel zu wenig Fachkräfte und im Fazit „Oh Gott, oh Gott, unsere Wirtschaft!“

Gut, Menschen die in entsprechenden Positionen der IT arbeiten wissen das es schwer ist gute Kolleginnen oder Kollegen zu finden. Das war es schon immer. Trotzdem sind die großen Mengen von „offenen Stellen“, Gesuchen und Stellenanzeigen durchaus kritisch zu betrachten.
Es gibt nämlich einige Mechanismen im heutigen Markt die dafür sorgen das sich dieser Bedarf weitaus größer darstellt als er tatsächlich ist. Viele Menschen, auch Kolleginnen und Kollegen „vom Fach“, haben diese häufig so nicht vor Augen, weil sie nur peripher aus dem Thema „IT“ herrühren und übergreifend in allen Bereichen Anwendung finden.

Stellenanzeigen als Werbung

Es gibt wohl kaum eine günstigere Methode um sehr gezielt vermeintliche Stärken und Schwerpunkte eines Unternehmens darzustellen als Stellenanzeigen.
„Für die Verstärkung unseres Teams im Bereich XY…“
„Für den Ausbau der Bereiches XY…“
„Um dem starkem Wachstum unseres Unternehmens gerecht werde zu können…“
Wenn sie sich über ein Unternehmen informieren, werden auch Investoren, Geschäftspartner und potentielle Kunden über diese Stellenanzeigen stolpern denen meist eine nicht hinterfragte Glaubwürdigkeit zugesprochen wird.

Neueinstellungen als Werterhöhung der Firma

Übernahmen, Fusionen, Börsengänge und Verhandlungen über große Geschäfte bringen Bewertungen von Unternehmen mit sich. Der Buchwert einer Unternehmung lässt sich mit Neueinstellungen recht einfach erhöhen.

Bewerbungsgespräche als Druckmittel

Jedes „moderne“ Management und jede „moderne“ Personalabteilung in größeren Unternehmen führt regelmäßig Bewerbungsgespräche für wichtige Positionen und Abteilungen durch. Möglichst offensichtlich werden Bewerber durch die Bereiche geführt. Häufig hat dies den Zweck das bestehende Personal nicht zu sicher werden zu lassen und damit Gehaltsforderungen oder Engpässen durch Abwanderung vorzubeugen. Klingt erst einmal perfide, ist aber durchaus verständlich und darüber hinaus sehr wirksam.

Kurzfristiger Bedarf für neue Projekte

Kein Unternehmen kann es sich leisten viel Arbeitskraft einfach „für den Fall, dass“ vorzuhalten und punktgenaue Projektplanung ist faktisch unmöglich wenn Wachstum ein erklärtes Unternehmensziel ist. Viele möglichst aktuelle Bewerbungen in der Schublade zu haben gehört in dem Rahmen mit zu den Taktiken auf Veränderungen schnell reagieren zu können.

Technologiewechsel und Rotation von Mitarbeitern

Ein Ingenieur der frisch von der Universität kommt und vielleicht 2-3 Jahre Berufserfahrung hat kriegt wesentlich weniger Gehalt als ein Mensch mit 15 Jahren Facherfahrung und geniesst weniger Arbeitsschutz.
Die Taktik ist bei Technologiewechsel und neuen Projekten die neuen Stellen mit jungen, frischer Ausgebildeten Mitarbeitern zu besetzen. Danach können die vorhandenen und meist teureren Mitarbeiter zusammen mit den alten Technologien und Projekten abgebaut werden. Die Arbeitsstellen müssen abgebaut werden, Ersatzstellen für die Mitarbeiter sind nicht (mehr) vorhanden und die Ausbildung mit den neuen Technologien und Projekten ist auch nicht vorhanden.

Überzogene Ansprüche an Ausbildung

Gerade in der IT ist heutzutage (fast) alles ein bewegliches Ziel, entwickelt sich rasant weiter und die Technologien greifen so stark ineinander das nichts mehr wirklich isoliert betrachtet werden kann. Eine Person kann mit der eigenen Weiterbildung theoretisch fast in Vollzeit beschäftigt werden. Das ist natürlich praktisch unmöglich und Unternehmen holen immer häufiger frisches Wissen das durch Ausbildung geschaffen wurde durch Neueinstellungen herein. Auf den Teufelskreis der dadurch entsteht das sich Unternehmen, Staat und Fachkräfte die Verantwortung für „Weiterbildung“ gegenseitig zuschieben wollen wir an dieser Stelle gar nicht eingehen…

Nicht-Anstellung von geeigneten Bewerbern

Management und Personalabteilungen haben nicht das Fachwissen um Bewerber gründlich beurteilen zu können. Fachvorgesetzte haben meist nicht die Zeit oder die soziale Kompetenz um die Eignung eines Bewerbers richtig einzuschätzen. Wenn ein Bewerber sich bestens mit Technologie X auskennt, hat er die nötige Einstellung und Flexibilität um mit wenig Aufwand in die benötigte Technologie Y eingearbeitet zu werden? Für die Stelle wird Technologie Y benötigt, das Fachwissen bringt der Bewerber nicht mit also wird abgelehnt.

 

Es gibt durchaus noch andere Mechanismen die den Stellenmarkt verzerren, ich habe hier nur die aufgezählt, die mir persönlich bekannt sind und einen großen Einfluss auf den IT-Stellenmarkt haben.
Und natürlich arbeiten nicht alle Unternehmen ausschließlich mit all diesen Techniken, ich habe gehört, es solle durchaus realistischere und schlauere Managements geben.

Fakt bleibt, dass Rufe nach politischen Aktivitäten „weil in der deutschen IT so viele IT-Stellen unbesetzt sind“ durchaus differenziert hinterfragt und überprüft werden müssen.