Datensüchtig in Kathmandu

Ein paarmal bin ich nun schon hier gewesen und werde diese brummende Stadt auch noch oft besuchen. Mein Lehrer hat hier sein Kloster, die Höhenluft bekommt mir gut, Smog bin ich aus Hamburg gewöhnt, die Menschen sind freundlich, das Essen ist gut, das Bier ist lecker, die Kneipen sind gemütlich, was will man mehr? Einfach: Strom und Internet. Da wogen gleich wieder die Vorwürfe gleich einer perfekten Brandung für Surfer “Wie anmaßend! Da reist der Kerl ins hinterste Asien und erwartet neben komfortabler Wohnung, günstiger Restauration und billigen Taxifahrten auch noch westlichen Medienluxus? Pfui, pfui!”

Ich aber erwidere Kaltschnäuzig “fu!”. Das hier ist Kathmandu, die Hauptstadt von Nepal, einem Land das schon seit Urzeiten Umschlag- und Handelsplatz, Durchreiseland für viele Nationalitäten und Heimat eines stolzen und fleißigen Menschenschlages war und ganz sicher noch ist.
Der “König” ist seit über zwei Jahren aus dem Land gejagt, es gibt Apple- und Dell-Shops, importierte Barilla-Pasta ist in Supermärkten gegen örtliche Währung zu erwerben, für einen Espresso aus Illy Kaffee muß man reichlich ablatzen und die demokratische Regierung ist hier wie anderswo mit dem Spannungsverhältnis zwischen Neoliberalen und Erzkommunisten am hadern.
Womit wir auch schon, meines unausschlaggebenden Erachtens nach, dem Kern des Problems nähern – der Regierung. Oder mehr, wie immer, bei den Regierenden. Solange es einen raffgiereigen Ätzmolch als König hat der immer schön in die eigene Tasche wirschaftet und sich scheinbar frei nach dem Motto “Wenn das Volk kein Brot hat soll es halt Kuchen essen!” durch die Weltgeschichte wurstelt ist die öffentliche Diskussion um einen Sündenbock natürlich nicht lange verlegen.
Nun, der ist nicht mehr da. Die Straßen sind hier und dort tatsächlich ausgebessert. Die Stimmung der Menschen die sich begegnen ist subjektiv empfunden viel besser geworden. Komisch nur das es mit der Grundversorgung der Bevölkerung nicht so recht vorangehen will…
“Was ist an Strom und Internet denn Grundversorgung, elender Zivilisationskrüppel?” mag jetzt die Eine oder der Andere reiseerfahrungsverklärte Geist einwenden. Das sind halt die Dinge die mir persönlich in den paar Wochen hier auffallen, meine Illusion eines Wohlstandskokons bedrohlich bröckeln lassen!
Das die Preise für Milch, Eier, Reis, Mehl, Bohnen, Linsen und Zucker um rund 50% gestiegen sind fällt einem gut betuchten Europäer im “Urlaub” nicht wirklich auf. Das die wenigen Straßenlampen die, strategisch klug und sparsam gesetzt, besonders interessante Abschnitte beleuchten Nachts mit einmal – zackdich – duster werden und der vorsichtig nach vorn gesetzte Fuß auf den von Unebenheiten entstellten Straßen in einem lecker Handbreit tiefen Matschloch landet oder beim Tappen nach einer wegweisenden Wand über einen unvermutet aufragenden Kantstein stolpert und den, subjektiv empfundenen, Luxuskörper fallenderweise in einen der vielen Müllhaufen, deren Anwesenheit den von europäischen Entsorgungsgepflogenheiten verwöhnten Menschen mehr staunend als verwundert wahrgenommen wird, verfrachtet hingegen schon.
Fun fact: Die einheimischen haben mit der Zeit so etwas wie Nachtsicht entwickelt und grad die jüngere Generation läuft fast immer pikobello gekleidet durch die Gegend. Touristen kleiden sich, auch zum Ausgehen Abends, meist deutlich solide und sehr ungezwungen – die guten Schuhe wären nach einem Abend auf den dunklen Straßen eh nicht mehr ganz so schick.
“Pfff, dann lässte die Kiste eben mal n paar Wochen in der Tasche! Erhol Dich, mach Urlaub.” Richtig, richtig. Nur wer mich kennt weiss, daß ich seit 1998 keinen “richtigen Urlaub” (eine tolle Ausnahme, Ulf!) mehr gemacht habe, einfach nicht mein Ding. Für mich ist Reisen, Land und Leute kennenlernen, immer damit verbunden etwas zu erfahren, zu lernen, zu schreiben und vielleicht etwas zu bewegen, und sei es nur in mir.
Darum geht es mir bei diesem Besuch, diese Jahr. Einfach mal austesten ob und wie gut ich von hier aus arbeiten kann.
Als freier IT-Fuzzi hab ich alle Meetings für fünf Wochen höflich aber bestimmt auf eMail, IRC und Skype vertröstet, mein portables Büro, sprich Laptop, eingepackt und hab mich in eine günstigen, jedoch komfortablen, Flieger gesetzt. Die Wohnung neben dem Kloster von zwei Freunden die grad nicht sind hier hatte ich voher schon per eMail und Telefon angemietet. Die prepaid-Karte von MeroMobile war dank der englisch sprechenden Tochter des Telefonbüdchen-Besitzers von der anderen Straßenseite schnell am Start. Und die überraschend brauchbare Internetverbindung per WLan zum Nachbarn für Kostenbeteiligung hat dann tatsächlich ein freudiges Lächeln über mein Gesicht gehuscht – die hat nämlich eine Batteriestromversorgung und funktioniert sogar wenn der Strom abgeschaltet ist und mein MacBook auf Akku läuft!
Sogar die Bandbreiten hier sind dank dem EU-Projekt “Seidenstrasse” in die Höhe geschnellt (Danke, Hans!) Das die Leitung dann doch nur eine Bandbreite von 256 KiloBit hat, im Gegensatz zu dem 32fachen zu Haus in Hamburg, nehme ich niemandem krum und das ich mir diese Nuckelpinne mit 2-5 Leuten teile stört mich beim arbeiten nicht so sehr – I do code, not GFX.
Gedankenfetzen wie “Vielleicht öfter mal n paar Wochen von hier arbeiten?”, “Kontakt zu den lokalen IT-Stammtischen aufnehmen.”, “Bilateraler Wissensaustausch” und Anderes keimt da automatisch in meinem Nerdhirn auf.
Wäre da bloß ein kleines bisschen öfter und länger Strom…
In diesem Stadtteil geht es am Montag und am Dienstag, da hat’s tagsüber 4 bzw. 5 Stunden Strom. Die übrigen Tage sind es so zwei Stunden, grad nicht genug um den Akku aufzuladen. Da muß man sich schon sehr genau drauf einstellen oder gegen 23 Uhr anfangen und bis zum Sonnenaufgang zu abeiten – nix für mich.
Und, nicht selten passiert so etwas wie heute. 12-14 Uhr Strom laut “Power sharing plan”. Ich rechne zwei Stunden plus ungefähr zwei Stunden, den Teil meines angetagten Akkumulators der sich in den ersten zwei Stunden freudig auflädt. Ich setze mich hin und fange an Code zu debuggen und Datenbanken durchzuflöhen. Kurz vor eins dann *piuuoo* das markante Geräusch der Wasserpumpe der Nachbarschaft die friedlich für den Tag den Dienst einstellt (Wasserversorgung ist in Kathmandu auch ein ernstes Problem). Strom weg. Blech!
Die Geschäftsviertel der Innenstadt mit den Banken, Büros der Fluglinien, Regierungsgebäuden und Touristenrestaurants kriegen doch sicher eine Vorzugsbehandlung? Ich meine, die sollen doch funktionieren? Vielleicht dort mal nach einer Bürogemeinschaft ausschau halten? Fehlanzeige, Grützkopfsalat. Jedes Büro, jede Arztpraxis, jedes Hotel und jedes Krankenhaus das Wert auf ununterbrochene Energieversorgung legt hat röhrende und stinkende Dieselgeneratoren entsprechender Größe die auch eigentlich ganz gut funktionieren wenn nicht gerade mal wieder das Benzin rationalisiert ist.
Privatleute und kleine Geschäfte behelfen sich mit LKW-Batterien, Ladegeräten und Spannungwandlern. Leider etwas, dass, von vielen Einzelnen umgesetzt, auch nicht so fantastisch funktioniert wie es als Idee erst einmal klingt – die Regierung überlegt grad ein Importverbot für derlei Gerätschaften weil damit die in weniger als rauhen Mengen vorhandene Elektrizität während der wenigen Stunden Netzversorgung im Übermaß aus den Leitungen gelutscht wird. Dunkeltuten.
Davon das ich nach entrichtetem Tageswerk voller Vorfreude auf einen Expresso-Milchkaffee in die Innenstadt fahre, just in dem Moment in dem ich die Treppen erklimme die Dudelmusik aus gefürchtetem Grund aussetzt und ich wieder mal zu höhren kriege “Espresso is not possible, no Power at the moment. Instant coffee is possible.” fang ich garnicht an. Bärghs, Doppelbärghs! Immer noch besser als gar kein Lebenselixier.
Davon das mir vom arbeiten mit dem kleinen Laptop-Bildschirm mit nurmehr zwei Kerzen als notdürftige Hintergrund- und Tastaturbeleuchtung die Augen schwimmen auch nicht.
Fazit: Für einen akzeptabel funktionierenden IT-Arbeitsplatz, mit leistungsfähigem LapTop-Computer, einem zusätzlichen Bildschirm, ausreichend Beleuchtung, eigener, ungeteilter Internetverbindung und einer Espresso-Maschine (von mir aus auch einer ganz sparsamen Kleinen für nur so lala guten Kaffee aus selbst importierten Kaffee-Pads) müßte ich dann doch schon wieder tief in die Tasche greifen. Eine eigene Bude dauerhaft anmieten, Notstrom- und andere Bürogeräte anschaffen und einrichten, die umfangreiche Odysee für eine Telefonleitung mit Internetverbindung in Angriff nehmen…
Nein, zu viel Nerf. Dann doch lieber weiterhin nicht so hoch gegriffen, hin und wieder das Büro in die Tasche gesteckt und nur für ein paar Wochen hier auf “Halburlaub” verweilen.
Soviel zu meinen Erfahrungen und Überlegungen. Was die erwähnten Stolpersteine für die hier lebenden Menschen, die Lebensqualität und die Entwicklung der Geschäftswelt von Nepal bedeuten überlasse ich der wohlgebildeten Kombinationsgabe der geneigten Leserschaft. Ich für meinen Teil fliege in drei Wochen wieder nach Hamburg.

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